Die Geschichte anaboler Steroide umfasst neun Jahrzehnte — von der Isolierung des Testosterons in Amsterdam und seiner Synthese durch Adolf Butenandt und Leopold Ružička im Jahr 1935 über das DDR-Staatsplanthema 14.25 mit geschätzt 10.000 betroffenen Sportlerinnen und Sportlern bis zur Bodybuilding-Ära und den Doping-Skandalen von BALCO (2003) bis Operation Aderlass (2019). Diese Chronologie zeigt, wie eine Substanzklasse, die zur Behandlung von Hypogonadismus und Anämie entwickelt wurde, zur prägenden Kraft im Leistungssport wurde — und wie Deutschland darauf mit dem Anti-Doping-Gesetz von 2015 reagiert hat. Wer die Substanzklasse ohne historischen Fokus verstehen will, beginnt mit Anabole Steroide: Wirkung, Substanzen, Recht, Kosten.
Dieser Leitfaden behandelt die Vorgeschichte ab 1849, das Nobelpreis-Jahr 1935, die ersten medizinischen Anwendungen, den Beginn der Bodybuilding-Ära mit Dianabol 1958, das DDR-Staatsdoping mit den Fällen Heidi/Andreas Krieger und Rica Reinisch, den Aufbau der Anti-Doping-Infrastruktur, die modernen Skandale, die Entwicklung der deutschen Rechtslage und einen Ausblick auf SARMs, Designer-Steroide und Gen-Doping.
Das Wichtigste in Kürze
1935 isolierte die Gruppe um Ernst Laqueur in Amsterdam Testosteron aus Stierhoden; wenige Monate später synthetisierten Butenandt (Danzig) und Ružička (Zürich) das Hormon aus Cholesterin — beide erhielten dafür den Chemie-Nobelpreis 1939.
Alle Substanzen, die heute den Großteil der Anwendung ausmachen — Testosteron, Methandienon, Oxymetholon, Stanozolol, Oxandrolon, Nandrolon — waren bis 1965 auf dem Markt.
Die DDR betrieb von 1974 bis 1989 das größte staatliche Dopingprogramm der Sportgeschichte; die Aufarbeitung durch Franke und Berendonk ist bis heute die wichtigste Primärquelle.
Das IOC verbot anabole Steroide 1974, die ersten olympischen Tests liefen 1976; die WADA entstand 1999.
In Deutschland gilt seit dem 18. Dezember 2015 das Anti-Doping-Gesetz; der frühere § 6a AMG ist aufgehoben.
Wie kam die Wissenschaft auf die Idee, dass Hoden Hormone produzieren? (1849–1934)
Die wissenschaftliche Suche nach dem männlichen Hormon beginnt 1849, als der Göttinger Physiologe Arnold Adolph Berthold mit Hodentransplantationen an Hähnen den ersten experimentellen Beleg für eine hormonelle Funktion der Hoden liefert. Berthold entfernte jungen Hähnen die Hoden — Kamm, Kehllappen, Krähen und Kampfverhalten blieben aus. Setzte er die Hoden an anderer Stelle in die Bauchhöhle zurück, kehrten die männlichen Merkmale wieder, obwohl keine Nervenverbindung mehr bestand. Bertholds Schluss: Die Hoden geben einen Stoff ins Blut ab, der die männliche Entwicklung steuert. Das war der erste experimentelle Nachweis dessen, was Jahrzehnte später „Hormon" heißen würde.
1889 machte der französische Physiologe Charles-Édouard Brown-Séquard die Idee einer „Männlichkeitssubstanz" öffentlich. Der 72-Jährige injizierte sich Hodenextrakte von Hunden und Meerschweinchen und berichtete der Société de Biologie in Paris von mehr Kraft, Konzentration und Vitalität. Die Extrakte enthielten so gut wie kein Hormon — die Effekte waren mit hoher Wahrscheinlichkeit Placebo. Trotzdem lösten die Berichte eine ganze Industrie von „Hodenpräparaten" aus und verankerten die Vorstellung im öffentlichen Bewusstsein.
Zwischen 1929 und 1934 beschleunigte sich die Hormonforschung dramatisch. Adolf Butenandt isolierte 1929 in Göttingen das Östron, 1931 aus rund 15.000 Litern Männerurin das erste kristalline Androgen — Androsteron — und 1934 das Progesteron. Parallel arbeitete Ernst Laqueur in Amsterdam, mit Unterstützung des Pharmaunternehmens Organon, an der Isolierung des eigentlichen Hodenhormons aus Stierhoden. Die Berliner Forschung an der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und die Schering AG konzentrierten sich zur gleichen Zeit auf die Geschlechtshormone — der Boden für 1935 war bereitet. Die Chronologie dieser Jahre rekonstruiert die Übersicht „ENDOCRINE HISTORY: The history of discovery, synthesis and development of testosterone for clinical use" (Nieschlag & Nieschlag, 2019) aus den Originalpublikationen.
| Jahr | Wissenschaftler | Institution | Erkenntnis |
|---|---|---|---|
| 1849 | Arnold Adolph Berthold | Universität Göttingen | Erstnachweis hormoneller Hodenwirkung durch Transplantation |
| 1889 | Charles-Édouard Brown-Séquard | Société de Biologie, Paris | Selbstversuche mit Hodenextrakten, kulturelle Prägung |
| 1931 | Adolf Butenandt | Universität Göttingen | Isolierung von Androsteron aus Urin — das erste kristalline Androgen |
| 1934 | Ernst Laqueur | Universität Amsterdam / Organon | Androgene Fraktionen aus Stierhoden, Vorstufe der Testosteron-Isolierung |
Wer hat Testosteron isoliert? — Laqueur, Butenandt und Ružička (1935)
Testosteron wurde 1935 in drei Schritten entdeckt: Im Mai 1935 isolierte die Amsterdamer Gruppe um Ernst Laqueur (David, Dingemanse, Freud, Laqueur) aus rund 100 Kilogramm Stierhoden etwa 10 Milligramm reines, kristallines Hormon und gab ihm den Namen Testosteron. Im August 1935 veröffentlichte Adolf Butenandt mit Günter Hanisch in Danzig die Synthese aus Cholesterin, und Leopold Ružička mit Albert Wettstein an der ETH Zürich reichte wenige Tage später seine eigene Synthese ein. Für diese Arbeiten an den Sexualhormonen erhielten Butenandt und Ružička 1939 den Nobelpreis für Chemie.
Die drei Leistungen ergänzten sich: Laqueur bewies, dass das Hormon im Hoden existiert und isolierbar ist; Butenandt und Ružička bewiesen, dass es sich im Labor aus einer billigen Vorstufe herstellen lässt — die Voraussetzung für jede industrielle Produktion. Butenandts Arbeit war zu diesem Zeitpunkt bereits außergewöhnlich: Östron 1929, Androsteron 1931, Progesteron 1934 und die Testosteron-Synthese 1935 in nur sechs Jahren, alle in der Nobelpreis-Begründung gewürdigt. Ružička erhielt seinen Anteil des Preises für die Arbeit an Polymethylenen und höheren Terpenen, zu der die Steroidsynthese gehörte.
1939 durfte Butenandt den Preis nicht annehmen: Nach dem Friedensnobelpreis für den Publizisten Carl von Ossietzky hatte das NS-Regime deutschen Staatsbürgern die Annahme aller Nobelpreise untersagt. Butenandt nahm die Urkunde und Medaille erst 1949 entgegen. Ružička, Schweizer Staatsbürger, nahm den Preis 1939 regulär an. Butenandts Rolle im Dritten Reich — er leitete ab 1936 das Kaiser-Wilhelm-Institut für Biochemie in Berlin-Dahlem und arbeitete mit militärnaher Forschung zusammen — blieb nach 1945 umstritten; eine Beteiligung an Menschenversuchen ist nicht nachgewiesen.
| Wissenschaftler | Institution | Leistung | Veröffentlichung 1935 | Nobelpreis 1939 |
|---|---|---|---|---|
| Ernst Laqueur (mit David, Dingemanse, Freud) | Universität Amsterdam / Organon | Isolierung aus ~100 kg Stierhoden → ~10 mg Testosteron | Mai 1935 | — |
| Adolf Butenandt (mit Hanisch) | TH Danzig | Synthese aus Cholesterin | August 1935 | Sexualhormone (Annahme erst 1949) |
| Leopold Ružička (mit Wettstein) | ETH Zürich | Synthese aus Cholesterin | August 1935 | Polymethylene und höhere Terpene |
Die therapeutische Anwendung folgte unmittelbar: 1936/37 kamen Methyltestosteron als erstes orales und Testosteron-Propionat als erstes injizierbares Testosteronpräparat gegen männlichen Hypogonadismus auf den Markt — die erste medizinische Anwendung eines anabolen Steroids überhaupt. Die Ester, die daraus über die Jahrzehnte entstanden sind, findest du heute in der Kategorie Testosteron. Wie sie sich in Wirkung, Halbwertszeit und Dosierung unterscheiden, erklärt Testosteron 101.
Eine Anmerkung zum häufigsten Geschichtsmythos: Für einen systematischen Einsatz von Testosteron in der Wehrmacht zur Steigerung der Aggressivität gibt es keinen Beleg. Das dokumentierte Aufputschmittel des Zweiten Weltkriegs war Pervitin (Methamphetamin), das millionenfach an Soldaten ausgegeben wurde. Testosteron blieb in dieser Zeit eine klinische Substanz.
Die ersten medizinischen Anwendungen (1936–1962)
Zwischen 1936 und 1962 entwickelt sich Testosteron vom Forschungsstoff zum Medikament gegen Hypogonadismus, Anämie und Auszehrung — und alle wichtigen Steroidfamilien werden in dieser Phase synthetisiert, ohne dass jemand an Bodybuilding denkt. Pharmaunternehmen veränderten die Struktur des Moleküls systematisch, um das Verhältnis zwischen anaboler und androgener Wirkung zu verschieben. Die pharmakologische Einordnung dieser Modifikationen liefert „Pharmacology of anabolic steroids" (Kicman, 2008). Die Markteinführungsdaten der einzelnen Substanzen dokumentiert William Llewellyn in Anabolics.
| Jahr | Wirkstoff | Hersteller | Klinische Indikation |
|---|---|---|---|
| 1936 | Methyltestosteron | Schering / Ciba | Erstes orales Steroid — 17α-alkyliert (synthetisiert 1935) |
| 1937 | Testosteron-Propionat | Schering | Männlicher Hypogonadismus |
| 1956 | Norethandrolon (Nilevar) | Searle | Erstes als „Anabolikum" vermarktetes Steroid |
| 1959 | Nandrolon-Phenylpropionat (Durabolin) | Organon | Osteoporose, Anämie (Nandrolon synthetisiert 1950) |
| 1962 | Nandrolon-Decanoat (Deca-Durabolin) | Organon | Osteoporose, Anämie, Auszehrung |
Die wichtigste pharmakologische Neuerung dieser Phase war die 17α-Alkylierung — eine Methylgruppe an Position 17 des Steroidgerüsts, die das Molekül vor dem Abbau in der Leber schützt und damit orale Wirksamkeit ermöglicht. Methyltestosteron, 1935 in Ružičkas Gruppe synthetisiert und ab 1936 im Handel, war die erste Substanz dieser Klasse und der Urvater aller späteren oralen Steroide: Dianabol, Anadrol, Winstrol, Superdrol. Der Preis für die orale Verfügbarkeit war ein neuer Nebenwirkungstyp — die Leberbelastung, die jedes 17α-alkylierte Steroid seither begleitet. Warum das so ist, erklärt 17-Alpha-Alkylierung: Warum orale Steroide die Leber belasten.
Der zweite Forschungsstrang war die Suche nach „rein anabolen" Substanzen. 1956 brachte Searle mit Norethandrolon (Nilevar) die erste Substanz auf den Markt, die ausdrücklich für ein besseres anabol-androgenes Verhältnis entwickelt worden war. Kommerziell blieb Nilevar unbedeutend, aber das Konzept war etabliert: Steroide mit reduzierter androgener Wirkung bei erhaltenem Muskelaufbau ließen sich konstruieren. Genau dieser Gedanke machte den nächsten Schritt denkbar — Substanzen, die für Leistungssteigerung entworfen werden.
Die Lebertoxizität der 17α-alkylierten Substanzen — Cholestase, Peliosis hepatis, Leberadenome — ist seit den 1950er Jahren in der klinischen Literatur dokumentiert; die Zusammenfassung des National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases steht im LiverTox-Kapitel Androgenic Steroids.
Die Bodybuilding-Ära beginnt: Dr. John Ziegler und Dianabol (1958)
1958 bringt Ciba das von der Firma synthetisierte Methandrostenolon unter dem Namen Dianabol auf den US-Markt — die Substanz, mit der der amerikanische Mannschaftsarzt Dr. John Bosley Ziegler die Bodybuilding-Steroid-Ära einleitet. Die Entstehungsgeschichte ist gut überliefert: Bei den Gewichtheber-Weltmeisterschaften 1954 in Wien erfuhr Ziegler vom sowjetischen Mannschaftsarzt, dass die sowjetischen Heber Testosteron erhielten. Die UdSSR dominierte die Weltmeisterschaft, und Ziegler suchte nach einer Antwort mit besserem anabol-androgenen Verhältnis als Testosteron selbst.
Methandrostenolon — heute Methandienon genannt — ist Testosteron mit einer 17α-Methylgruppe und einer zusätzlichen Doppelbindung an Position 1,2. Ciba hatte die Substanz zur Behandlung von Verbrennungsopfern und Osteoporose entwickelt; Ziegler gab sie ab 1958 den Gewichthebern des York Barbell Club. Innerhalb weniger Jahre war Dianabol das „Frühstück der Champions" in amerikanischen Kraftsporthallen und kurz darauf in der entstehenden Bodybuilding-Szene. Ziegler selbst distanzierte sich später von dem, was er ausgelöst hatte, als die Athleten die Dosen weit über seine Empfehlung hinaus steigerten.
Die folgenden sieben Jahre brachten die Substanzen, die bis heute den Großteil der Anwendung ausmachen:
| Jahr (Markteinführung) | Wirkstoff | Markenname | Hersteller |
|---|---|---|---|
| 1958 | Methandienon (Methandrostenolon) | Methandienon (Dianabol) | Ciba (Schweiz) |
| 1961 | Oxymetholon (synthetisiert 1959) | Oxymetholon [Anadrol] | Syntex (Mexiko/USA) |
| 1962 | Stanozolol (synthetisiert 1959) | Stanozolol (Winstrol) | Winthrop Laboratories (USA) |
| 1964 | Oxandrolon (synthetisiert 1962) | Anavar | Searle (USA) |
| 1965 | Chlordehydromethyltestosteron | Oral-Turinabol | VEB Jenapharm (DDR) |
Die Markteinführung von Oral-Turinabol durch den ostdeutschen Staatsbetrieb VEB Jenapharm 1965 verdient besondere Aufmerksamkeit: Die Substanz — Methandienon mit einem zusätzlichen Chloratom an Position 4, das die Aromatisierung blockiert — wurde zum zentralen Wirkstoff des DDR-Dopingprogramms und ist historisch untrennbar mit dem Staatsplanthema 14.25 verbunden, das der nächste Abschnitt behandelt. Die Substanz selbst steht heute unter Oral Turinabol.
Die Goldene Ära des Bodybuildings (1960er–1970er Jahre) baute auf diesen Substanzen auf. Arnold Schwarzenegger, Franco Columbu und Frank Zane nutzten nach eigenen und zeitgenössischen Aussagen Kombinationen aus Dianabol, Primobolan und Deca-Durabolin in Dosen, die aus heutiger Sicht moderat waren. Was sich über Schwarzeneggers Protokoll belegen lässt und was Legende ist, sortiert Arnolds Steroid-Stack enthüllt. Die Mass-Monster-Ära der 1990er Jahre und der Übergang zur heutigen Cruise-Generation folgen im Abschnitt „Doping im Bodybuilding heute".
Das DDR-Staatsplanthema 14.25 — Doping als Staatsdoktrin (1966–1989)
Zwischen 1974 und 1989 betreibt die DDR mit dem Staatsplanthema 14.25 das größte staatlich organisierte Dopingprogramm der Sportgeschichte — geschätzt 10.000 Sportlerinnen und Sportler erhalten systematisch Oral-Turinabol und andere anabole Substanzen, viele davon minderjährig und ohne Kenntnis dessen, was sie einnahmen. Dieses Kapitel ist der zentrale deutsche Knotenpunkt der Steroidgeschichte: Kein anderes Programm erreichte vergleichbare Größe, Systematik und Langzeitwirkung.
Die Struktur des Programms
Bereits ab 1966 wurden im DDR-Sport anabole Steroide eingesetzt — zunächst dezentral, vor allem im Schwimmen, in der Leichtathletik und im Kugelstoßen. Die Formalisierung erfolgte 1974 durch einen vertraulichen Beschluss unter dem Codenamen „Staatsplanthema 14.25 — Unterstützende Mittel u. m." („und mehr"). Doping wurde damit Bestandteil der staatlichen Sportplanung, koordiniert vom Sportmedizinischen Dienst der DDR mit Sitz in Kreischa bei Dresden, abgesichert durch das Ministerium für Staatssicherheit.
Die zentrale Substanz war Oral-Turinabol vom VEB Jenapharm. Die blauen Tabletten wurden an Athleten als „Vitamine" oder „Unterstützende Mittel" ausgegeben, häufig ohne ihr Wissen und ohne Wissen der Eltern minderjähriger Sportlerinnen. Weil die Substanz kaum aromatisiert, fiel die Virilisierung bei Frauen — tiefere Stimme, Gesichtsbehaarung, Zyklusstörungen — umso stärker ins Gewicht. Dass Oral-Turinabol zusätzlich 17α-alkyliert ist und damit die Leber belastet, war den verantwortlichen Ärzten bekannt und ist in den Akten dokumentiert.
Schlüsselfiguren des Staatsplanthemas
| Funktionsträger | Rolle | Späteres Schicksal |
|---|---|---|
| Manfred Ewald | Präsident des DTSB, Architekt der Sportpolitik | Verurteilt 2000 zu 22 Monaten auf Bewährung |
| Manfred Höppner | Stellvertretender Leiter des Sportmedizinischen Dienstes, medizinischer Koordinator | Verurteilt 2000 zu 18 Monaten auf Bewährung |
| Lothar Kipke | Verbandsarzt des DDR-Schwimmverbands | Verurteilt 2000 zu 15 Monaten auf Bewährung |
Prominente Opfer und dokumentierte Folgen
Drei Schicksale stehen exemplarisch für die geschätzt 10.000 Betroffenen:
Heidi Krieger (heute Andreas Krieger) gewann 1986 die Goldmedaille im Kugelstoßen bei den Europameisterschaften in Stuttgart. Als Jugendliche hatte sie über Jahre Oral-Turinabol in hohen Dosen erhalten, ohne zu wissen, was sie einnahm. Nach jahrelanger Virilisierung unterzog er sich 1997 einer geschlechtsangleichenden Operation und lebt seither als Andreas Krieger. Sein Fall war eine der zentralen Zeugenaussagen in den Berliner Dopingprozessen; die Heidi-Krieger-Medaille, die er stiftete, ehrt seit 2000 Personen, die sich gegen Doping engagieren.
Rica Reinisch gewann bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau als 15-Jährige drei Goldmedaillen — über 100 und 200 Meter Rücken und mit der Lagenstaffel — mit drei Weltrekorden. Sie hatte ohne ihr Wissen Oral-Turinabol erhalten und beendete ihre Karriere 1982 aus gesundheitlichen Gründen; sie gehört seit den 1990er Jahren zu den öffentlich sichtbarsten Stimmen der DDR-Dopingopfer.
Birgit Meineke-Heukrodt, Schwimm-Weltmeisterin 1982, hat ihre Behandlung mit „blauen Pillen" seit 1991 öffentlich gemacht und in den Prozessen ausgesagt. Welche Langzeitfolgen anabole Steroide grundsätzlich haben — an Leber, Herz, Hormonachse und Psyche —, ordnet Anabolika Nebenwirkungen: Was wirklich passiert nach Organsystemen.
Die Aufarbeitung nach 1989
Nach dem Mauerfall begann Werner Franke, Zell- und Molekularbiologe am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, gemeinsam mit seiner Frau Brigitte Berendonk, ehemalige Diskuswerferin, die systematische Auswertung der DDR-Dopingakten — darunter Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit und Dissertationen der beteiligten Ärzte. 1997 veröffentlichten sie „Hormonal doping and androgenization of athletes: a secret program of the German Democratic Republic government" in Clinical Chemistry — bis heute die wichtigste begutachtete Primärquelle zum DDR-Programm, mit den Dosierungsprotokollen, den beteiligten Institutionen und den dokumentierten Schäden.
Die Berliner Dopingprozesse zwischen 1998 und 2000 führten zu Verurteilungen von Trainern und Ärzten und im Juli 2000 von Ewald und Höppner — die Strafen blieben mild, alle auf Bewährung, aber die juristische Feststellung staatlicher Verantwortung war historisch bedeutsam. 1999 wurde der Doping-Opfer-Hilfe e. V. gegründet. Das erste Dopingopfer-Hilfegesetz von 2002 stellte zwei Millionen Euro bereit; 194 anerkannte Betroffene erhielten je rund 10.300 Euro. Das zweite Dopingopfer-Hilfegesetz von 2016 zahlte 1.449 anerkannten Betroffenen je 10.500 Euro. Beratung und Unterstützung leistet bis heute der Doping-Opfer-Hilfe e. V. als zentrale Anlaufstelle; die Originalakten sind über das Stasi-Unterlagen-Archiv des Bundesarchivs einsehbar.
Sportverbote und der Aufbau der Anti-Doping-Infrastruktur (1968–1999)
Die Anti-Doping-Infrastruktur entsteht über drei Jahrzehnte — von den ersten olympischen Dopingkontrollen 1968 in Mexiko-Stadt über das IOC-Verbot anaboler Steroide 1974 und die ersten Tests 1976 in Montreal bis zur Gründung der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA 1999 in Lausanne. In dieser Zeit lernte der organisierte Sport, wie groß das Problem war — und welche Analytik nötig ist, um es überhaupt zu sehen.
1968 in Mexiko-Stadt wurden erstmals olympische Dopingkontrollen durchgeführt — auf Stimulanzien wie Amphetamin. Anabole Steroide standen noch nicht auf der Liste, weil kein Nachweisverfahren existierte. Auch 1972 in München wurde nur auf Stimulanzien getestet; die Steroide der DDR-Schwimmerinnen blieben unsichtbar.
1974 verbot das IOC anabole Steroide, nachdem in London ein Radioimmunoassay entwickelt worden war, der exogene Anabolika im Urin nachweisen konnte. 1976 in Montreal liefen die ersten olympischen Steroidtests — acht Athleten wurden positiv getestet, überwiegend Gewichtheber. Die DDR reagierte mit einem ausgeklügelten Absetzprotokoll: Vor Wettkämpfen wurden die Substanzen rechtzeitig pausiert und mit eigenen Kontrollen in Kreischa geprüft, ob ein Athlet „sauber" reisen konnte. Wie lange einzelne Substanzen heute nachweisbar sind, zeigt Nachweiszeiten Steroide: Tabelle mit 20+ Substanzen.
1988 in Seoul kam der medial folgenreichste Dopingfall der Olympiageschichte: Ben Johnson lief am 24. September die 100 Meter in 9,79 Sekunden — Gold und Weltrekord. Drei Tage später war sein Test positiv auf Stanozolol. Medaille und Rekord wurden aberkannt, und die Öffentlichkeit hatte zum ersten Mal ein Gesicht für das Problem.
1989 veränderte der Mauerfall die Wahrnehmung grundlegend: Was als Einzelfallproblem gegolten hatte, entpuppte sich als jahrzehntelanges staatliches System mit Tausenden Beteiligten. Die Anti-Doping-Politik erhielt dadurch erstmals breite gesellschaftliche Unterstützung. Eine Übersicht darüber, welche Disziplinen jenseits des Bodybuildings betroffen sind, gibt Anabolika im Sport.
1999 wurde die World Anti-Doping Agency (WADA) in Lausanne gegründet — die erste globale Koordinationsstelle mit einheitlicher Verbotsliste, Teststandards und Sanktionen über alle Sportarten und Länder hinweg. Der Welt-Anti-Doping-Code trat 2004 in Kraft.
BALCO, EPO und die moderne Skandal-Ära (2003–heute)
Die moderne Skandal-Ära beginnt 2003 mit BALCO in Kalifornien — die Entdeckung des Designer-Steroids Tetrahydrogestrinon (THG) zeigt, dass Hersteller gezielt Substanzen entwickeln, die für bestehende Tests unsichtbar sind. In den zwei Jahrzehnten seither umfasst Doping nicht mehr „nur" anabole Steroide, sondern ein Spektrum aus Designer-Substanzen, EPO, Bluttransfusionen, Menschliches Wachstumshormon — HGH (Somatropin) und staatlich organisierten Programmen.
| Skandal | Jahr | Land | Substanz / Methode | Konsequenz |
|---|---|---|---|---|
| BALCO | 2003 | USA | Designer-Steroid THG („The Clear") | Marion Jones gibt 2007 fünf Medaillen von Sydney 2000 zurück; Victor Conte vier Monate Haft |
| Operation Puerto | 2006 | Spanien | EPO, Eigenblut, AAS | Dutzende Radprofis betroffen; das Strafverfahren gegen Eufemiano Fuentes endete 2016 ohne rechtskräftige Verurteilung |
| Lance Armstrong / USPS | 2012 | USA | EPO, Eigenblut, Testosteron | Sieben Tour-de-France-Titel aberkannt, lebenslange Sperre |
| Russisches Staatsdoping | 2014–2016 | Russland | Systematische Probenmanipulation | Ausschluss als Nation von den Winterspielen 2018, Tokio 2020 und Peking 2022 |
| Operation Aderlass | 2019 | DE / AT | Eigenbluttransfusionen, EPO | Mark Schmidt (Erfurt) 2021 zu vier Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt |
Der BALCO-Skandal (Bay Area Laboratory Co-Operative) wurde 2003 durch eine anonym an die US-Anti-Doping-Agentur USADA geschickte Spritze ausgelöst. Die Identifizierung der bis dahin unbekannten Substanz THG durch das Labor der UCLA war ein analytischer Meilenstein: Zum ersten Mal wurde ein eigens zur Testumgehung entworfenes Steroid entdeckt. BALCO-Gründer Victor Conte wurde zu vier Monaten Haft verurteilt; Sprinterin Marion Jones gab 2007 ihre fünf Medaillen von Sydney zurück und verbüßte eine Haftstrafe wegen Falschaussage; Tim Montgomery und Justin Gatlin wurden gesperrt. Warum solche Substanzen bis heute entstehen und was sie für Anwender bedeuten, behandelt Designer-Steroide: Geschichte, Wirkstoffe und Risiken.
Die EPO-Welle im Radsport gipfelte 2012 im Fall Lance Armstrong: Sieben Tour-de-France-Titel von 1999 bis 2005 wurden aberkannt, nachdem der Bericht der USADA das Dopingsystem des US-Postal-Teams im Detail dokumentiert hatte. Die Geschichte des Dopings bei der Tour erzählt Die Wahrheit über Doping bei der Tour de France. Was EPO im Körper macht und warum Blutdoping so gefährlich ist, steht unter Erythropoetin (EPO).
Das russische Staatsdoping wurde 2014 bis 2016 durch Whistleblower und Journalisten aufgedeckt und im McLaren-Report der WADA (Juli und Dezember 2016) belegt. Die Parallele zum DDR-Programm war frappierend: staatlich koordinierte Vergabe, Manipulation der Proben — in Sotschi 2014 wurden Urinflaschen durch ein Loch in der Laborwand ausgetauscht — und Beteiligung des Geheimdienstes. Russland wurde als Nation von den Winterspielen 2018, den Sommerspielen in Tokio und den Winterspielen 2022 ausgeschlossen; einzelne Athleten starteten unter neutraler Flagge.
Die Operation Aderlass 2019 brachte das Thema in den deutschsprachigen Raum zurück. Bei einer Razzia während der Nordischen Ski-WM in Seefeld wurden Blutbeutel und Transfusionsgeräte sichergestellt; die Spur führte zum Erfurter Sportmediziner Mark Schmidt, der seit Jahren ein internationales Netzwerk für Eigenblutdoping betrieb — mit Kunden im Skilanglauf und Radsport. Schmidt wurde im Januar 2021 zu vier Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt — das erste große Verfahren nach dem Anti-Doping-Gesetz von 2015.
Doping im Bodybuilding heute — von Arnold bis zur Cruise-Generation
Die Dopingkultur des Bodybuildings entwickelt sich von der offen bekannten Dianabol-Anwendung der Schwarzenegger-Ära über die Mass-Monster-Phase der 1990er bis zur heutigen Cruise-Generation, die kontinuierliche Testosteronanwendung statt klassischer Kur-Pause-Zyklen bevorzugt. Anders als in den olympischen Sportarten existiert im professionellen Bodybuilding kein wirksames Kontrollsystem — die IFBB Pro League führt bei Profiwettkämpfen praktisch keine Dopingtests durch.
| Ära | Zeitraum | Prägende Athleten | Substanzstandard |
|---|---|---|---|
| Goldene Ära | 1960er–1970er | Schwarzenegger, Columbu, Zane | Dianabol, Primobolan, Deca-Durabolin in moderaten Dosen |
| Übergangs-Ära | 1980er | Lee Haney | höhere Dosen, erste Wachstumshormon-Anwendung |
| Mass-Monster-Ära | 1990er–2000er | Dorian Yates, Ronnie Coleman | Wachstumshormon, Insulin, Trenbolon dazu |
| Cruise-Generation | 2010er–heute | Big Ramy, Hadi Choopan | Dauerhafte Testosteronbasis, „Blast"-Phasen vor Wettkämpfen |
In der Goldenen Ära war die Substanzanwendung bekannt und kulturell akzeptiert. Arnold Schwarzenegger hat seinen Steroidgebrauch in Interviews und Autobiografien bestätigt; die Wettkampfgewichte der Mr.-Olympia-Sieger dieser Zeit lagen bei rund 105 bis 110 Kilogramm — verglichen mit heutigen Profis schlank. Die Protokolle dieser Ära sind in den Autobiografien und in John Hobermans kulturhistorischem Standardwerk Testosterone Dreams: Rejuvenation, Aphrodisia, Doping (University of California Press, 2005) dokumentiert.
Die Mass-Monster-Ära mit Dorian Yates (sechs Olympia-Titel 1992–1997) und Ronnie Coleman (acht Titel 1998–2005) verschob den Standard grundlegend: Wachstumshormon, Insulin und Trenbolon kamen zu den klassischen Substanzen hinzu. Coleman spricht heute offen über seinen Gebrauch und die Spätfolgen — Ronnie Coleman und seine Steroidnutzung arbeitet seinen Fall auf.
Die 2010er Jahre brachten zwei strukturelle Veränderungen. Erstens die Cruise-Praxis: Statt 12- bis 16-wöchiger Kuren mit anschließender PCT (Post Cycle Therapy) fährt die jüngere Generation eine dauerhafte Testosteronbasis mit „Blast"-Phasen vor Wettkämpfen. Das macht die Erholung der Hormonachse zur Ausnahme statt zur Regel und belastet Herz, Blutfette und Hämatokrit ohne Pause — die Gründe, warum diese Praxis gesundheitlich die schlechteste Variante ist, führt Blast & Cruise Steroidkur – Warum sie ungesund sind aus. Zweitens wanderte das Substanzwissen aus geschlossenen Foren in YouTube-Kanäle und Podcasts. Das hat die Informationslage verbessert, aber auch die Hemmschwelle gesenkt.
Die Schattenseite sind die Todesfälle aktiver Bodybuilder der frühen 2020er Jahre — unter ihnen Cedric McMillan (2022), Bostin Loyd (2022) und Neil Currey (2023), alle vor dem 50. Lebensjahr, überwiegend mit kardiovaskulärem Hintergrund. Die Häufung hat das Sicherheitsbewusstsein in der Szene wieder geschärft und ist heute Hauptthema der Harm-Reduction-Diskussion.
Deutsche Rechtslage — von § 6a AMG zum Anti-Doping-Gesetz
Die deutsche Rechtslage zu anabolen Steroiden hat sich in drei Schritten entwickelt: 1998 wurde § 6a in das Arzneimittelgesetz eingefügt, 2007 um das Verbot des Besitzes nicht geringer Mengen erweitert, und am 18. Dezember 2015 durch das eigenständige Anti-Doping-Gesetz (AntiDopG) ersetzt. Seither gilt: Anabole Steroide sind verschreibungspflichtige Arzneimittel (§ 48 AMG i. V. m. AMVV); Erwerb und Besitz nicht geringer Mengen zu Dopingzwecken sowie der Handel sind nach §§ 2 und 4 AntiDopG strafbar; welche Menge „nicht gering" ist, legt die Dopingmittel-Mengen-Verordnung (DmMV) fest. Der aufgehobene § 6a AMG taucht bis heute auf vielen Webseiten als geltendes Recht auf — das ist er seit 2015 nicht mehr.
| Jahr | Regelung | Hauptinhalt | Status |
|---|---|---|---|
| 1998 | § 6a AMG (Einführung) | Verbot, Arzneimittel zu Dopingzwecken im Sport in Verkehr zu bringen, zu verschreiben oder anzuwenden | aufgehoben 2015 |
| 2007 | § 6a AMG (Erweiterung) | Besitz nicht geringer Mengen strafbar; Mengen per Dopingmittel-Mengen-Verordnung | aufgehoben 2015 |
| 2009 | Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Dopingdelikte, StA München I | Zentrale Strafverfolgung für Bayern | in Kraft |
| 18.12.2015 | Anti-Doping-Gesetz (AntiDopG) | Eigenständiges Strafgesetz: Handel, Besitz nicht geringer Mengen, erstmals Selbstdoping im organisierten Sport | geltendes Recht |
Das Anti-Doping-Gesetz bündelt die Strafnormen und macht erstmals das Selbstdoping im organisierten Wettkampfsport strafbar (§ 3 AntiDopG) — bis dahin hatte das Strafrecht Hersteller und Händler erfasst, nicht die Athleten. Der Strafrahmen reicht bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe, für gewerbs- oder bandenmäßigen Handel bis zu zehn Jahren (§ 4 AntiDopG). Der vollständige Gesetzestext steht im Gesetz gegen Doping im Sport auf gesetze-im-internet.de. Was die Vorschriften für Erwerb, Besitz und Einfuhr im Einzelnen bedeuten, ordnet Steroide in Deutschland — rechtlicher Rahmen ein.
Die Strafverfolgung ist in Bayern seit 2009 bei der Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Dopingdelikte der Staatsanwaltschaft München I gebündelt, die eng mit Zoll, Bundeskriminalamt und NADA zusammenarbeitet und auch die Operation Aderlass führte. Die NADA (Nationale Anti Doping Agentur Deutschland), 2002 in Bonn gegründet, führt die Dopingkontrollen im organisierten Sport durch; ihre Verbotsliste führt anabole Steroide unter S1. Der Profi-Bodybuilding-Bereich bleibt davon weitgehend ausgenommen, weil die IFBB Pro League nicht in das NADA-System eingebunden ist. Für Anwender ist die Kehrseite des Schwarzmarkts die Fälschungsquote — wie du Produkte prüfst, erklärt Gefälschte Steroide erkennen.
Was steht als nächstes? — SARMs, Designer-Steroide und Gen-Doping
Die Zukunft leistungssteigernder Substanzen liegt weniger in neuen Wirkstoffklassen als in der Verfeinerung bestehender: SARMs, Designer-Steroide und Gen-Doping sind die nächsten Herausforderungen für Regulierung und Analytik, während die Basissubstanzen seit den 1960er Jahren weitgehend unverändert sind. Testosteron, Methandienon, Oxymetholon, Stanozolol und Anavar (Oxandrolon) — die Substanzen, die den Großteil der heutigen Anwendung ausmachen — waren alle bis 1965 auf dem Markt. Was sich in sechs Jahrzehnten geändert hat, ist nicht die Substanzpalette, sondern das Wissen über Anwendung, Sicherheit und Nebenwirkungen.
SARMs (Selektive Androgenrezeptor-Modulatoren) wurden ab den 1990er Jahren als Alternative zur Hormontherapie entwickelt — Substanzen wie Ligandrol (LGD-4033), Ostarine (MK-2866) und RAD-140 sollten die anabole Wirkung auf Muskel und Knochen erhalten, ohne die androgenen Effekte auf Prostata, Haar und Haut. Keine dieser Substanzen hat eine Arzneimittelzulassung. Im Bodybuilding werden sie seit den 2010er Jahren als „milder als Steroide" vermarktet — was nur teilweise stimmt: SARMs unterdrücken die Hormonachse ebenfalls, und Leberschäden sowie Lipidveränderungen sind dokumentiert. Die Substanzen und ihre Profile führt die Kategorie SARMs.
Designer-Steroide im Stil des THG von 2003 werden weiterhin synthetisiert — nach BALCO folgten Substanzen wie Halodrol, Methylstenbolon und Madol, alle mit dem Ziel, für die jeweils aktuellen Tests unsichtbar zu sein. Aus Harm-Reduction-Sicht sind sie die riskanteste Klasse überhaupt, weil kein Sicherheitsprofil existiert und Anwender weder valide Dosierungen noch Nebenwirkungsdaten haben.
Peptide und Wachstumshormon-Sekretagoge bilden eine parallele Klasse: BPC-157, TB-500, GHK-Cu, CJC-1295 und Ipamorelin werden seit den 2010er Jahren zunehmend angewendet — für Regeneration, Wachstumshormonausschüttung oder Anti-Aging. Die rechtliche Einordnung variiert je nach Substanz und Land.
Gen-Doping ist die noch theoretische Methode: Myostatin-Hemmung durch Genschere oder dauerhafte IGF-1-Überexpression über virale Vektoren. Die WADA verbietet Gen-Doping seit 2003 auf ihrer Verbotsliste; beim Menschen ist keine Anwendung dokumentiert, aber die Gentherapie-Forschung für Muskeldystrophien schafft die technische Grundlage. Beobachter rechnen mit den ersten belegten Fällen in den 2030er Jahren.
Glossar
| Begriff | Bedeutung |
|---|---|
| Androgen | Hormon, das männliche Merkmale ausbildet — Testosteron ist das wichtigste |
| Anaboles Steroid | Testosteron oder ein synthetisches Derivat mit muskelaufbauender Wirkung |
| 17α-Alkylierung | Methylgruppe an Position 17, die orale Wirksamkeit ermöglicht und die Leber belastet |
| Anabol-androgenes Verhältnis | Tierversuchswert, mit dem Substanzen seit den 1950ern verglichen werden |
| Staatsplanthema 14.25 | Codename des staatlichen DDR-Dopingprogramms ab 1974 |
| Oral-Turinabol | Chlordehydromethyltestosteron, VEB Jenapharm 1965 — die DDR-Substanz |
| Radioimmunoassay | Nachweisverfahren, das 1974 den ersten Steroidtest ermöglichte |
| Designer-Steroid | Neu synthetisiertes Steroid, entworfen zur Umgehung bestehender Tests |
| THG | Tetrahydrogestrinon, das BALCO-Designer-Steroid von 2003 |
| SARM | Selektiver Androgenrezeptor-Modulator — nicht zugelassene Steroid-Alternative |
| PCT (Post Cycle Therapy) | Nachbehandlung zur Erholung der Hormonachse nach einer Kur |
| Blast & Cruise | Dauerhafte Testosteronbasis mit Hochdosisphasen statt Kur und Pause |
| AntiDopG | Gesetz gegen Doping im Sport vom 18. Dezember 2015 |
| DmMV | Dopingmittel-Mengen-Verordnung — definiert die „nicht geringe Menge" |
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wann wurde Testosteron entdeckt?
Im Mai isolierte die Gruppe um Ernst Laqueur in Amsterdam aus rund 100 Kilogramm Stierhoden etwa 10 Milligramm kristallines Hormon und nannte es Testosteron. Im August synthetisierten Adolf Butenandt in Danzig und Leopold Ružička in Zürich unabhängig voneinander das Hormon aus Cholesterin. Butenandt und Ružička erhielten dafür 1939 den Nobelpreis für Chemie; Butenandt durfte ihn auf Anordnung des NS-Regimes erst 1949 entgegennehmen.
Was war das Staatsplanthema 14.25?
Das offizielle staatliche Dopingprogramm der DDR von 1974 bis 1989 unter dem Codenamen „Unterstützende Mittel". Geschätzt 10.000 Sportlerinnen und Sportler, viele minderjährig, erhielten systematisch anabole Steroide — vor allem Oral-Turinabol vom VEB Jenapharm, oft als „Vitamine" ausgegeben. Die Aufarbeitung durch Werner Franke und Brigitte Berendonk führte zu den Berliner Dopingprozessen 1998 bis 2000 und zu zwei Dopingopfer-Hilfegesetzen 2002 und 2016.
Was war das erste Bodybuilding-Steroid?
Methandienon (Methandrostenolon), vermarktet als Dianabol. Ciba brachte die Substanz 1958 auf den US-Markt; der amerikanische Mannschaftsarzt John Ziegler führte sie im Kraftsport ein — als Antwort auf das sowjetische Testosteronprogramm, von dem er 1954 bei der Gewichtheber-WM in Wien erfahren hatte. Dianabol prägt seit über sechs Jahrzehnten die Bodybuilding-Anwendung.
Wer ist Andreas Krieger?
Andreas Krieger ist eines der bekanntesten Opfer des DDR-Dopingprogramms. Als Heidi Krieger gewann er 1986 die Goldmedaille im Kugelstoßen bei den Europameisterschaften in Stuttgart. Nach jahrelanger Verabreichung von Oral-Turinabol ohne sein Wissen unterzog er sich 1997 einer geschlechtsangleichenden Operation. Seine Aussage war zentral in den Berliner Dopingprozessen; die von ihm gestiftete Heidi-Krieger-Medaille ehrt seit 2000 Engagement gegen Doping.
Seit wann sind Anabolika in Deutschland illegal?
Anabole Steroide sind seit jeher verschreibungspflichtig. 1998 verbot § 6a AMG das Inverkehrbringen und Verschreiben zu Dopingzwecken, 2007 kam der strafbare Besitz nicht geringer Mengen hinzu. Seit dem 18. Dezember 2015 regelt das Anti-Doping-Gesetz diese Tatbestände eigenständig — mit bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe, bei gewerbs- oder bandenmäßigem Handel bis zu zehn Jahren — und stellt erstmals auch Selbstdoping im organisierten Sport unter Strafe. § 6a AMG ist seither aufgehoben.
Was war der BALCO-Skandal?
Der BALCO-Skandal von 2003 (Bay Area Laboratory Co-Operative, Kalifornien) deckte das Designer-Steroid Tetrahydrogestrinon (THG, „The Clear") auf — eine eigens entwickelte Substanz, die für bestehende Tests unsichtbar war. Hauptakteure waren Gründer Victor Conte und Trainer Greg Anderson; betroffene Athleten waren unter anderem Marion Jones, Tim Montgomery und Justin Gatlin. Der Skandal markierte den Beginn der Designer-Steroid-Ära und führte zu einer Verschärfung der Analytik.
Welche Rolle spielte Adolf Butenandt im Nationalsozialismus?
Butenandt erhielt 1939 den Chemie-Nobelpreis für seine Arbeiten an den Sexualhormonen, durfte ihn aber nicht annehmen, weil das NS-Regime nach dem Friedensnobelpreis für Carl von Ossietzky deutschen Staatsbürgern die Annahme untersagt hatte; er nahm ihn 1949 entgegen. Ab 1936 leitete er das Kaiser-Wilhelm-Institut für Biochemie in Berlin-Dahlem und arbeitete mit militärnaher Forschung zusammen. Seine Rolle blieb nach 1945 umstritten; eine Beteiligung an Menschenversuchen ist nicht nachgewiesen.
Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und stellt keine medizinische Beratung dar. Anabole Steroide sind in Deutschland verschreibungspflichtige Arzneimittel (§ 48 AMG i. V. m. AMVV). Der Erwerb und Besitz nicht geringer Mengen zu Dopingzwecken sowie der Handel sind nach dem Anti-Doping-Gesetz (§§ 2, 4 AntiDopG) strafbar; die zugrunde liegenden Mengen definiert die Dopingmittel-Mengen-Verordnung (DmMV). Konsultiere vor der Anwendung leistungssteigernder Substanzen immer einen qualifizierten Arzt, Endokrinologen oder Sportmediziner. Die Autoren übernehmen keine Haftung für gesundheitliche Schäden durch unsachgemäße Anwendung.



